09.04.21

Corona-Pandemie in der Partnergemeinde

Schorndorfer Nachrichten. Verheerende Kollateralschäden durch die Corona-Pandemie in Kitale/Kenia

Die Partnergemeinde in Kitale mit Masken, die schon vor Weihnachten in der Schorndorfer Kirchengemeinde genäht wurden und jetzt zu Ostern in Kenia ankamen. © privat

Schorndorf ist in Kitale ein Begriff: Der Kiosk, der von der Familie von Pfarrer Edwin Masai betrieben wird, trägt den Namen der Partnerstadt. © privat

Pfarrerin Dorothee Eisrich in einer Reihe mit dem gehörlosen Reverend Edwin Masai und Reverend Meshak Kosgey (von rechts). © privat

Seit Beginn der Corona-Krise vor einem Jahr kreisen wir nur noch um uns selbst, um die Infektionsgefahr, um Lockdowns und Öffnungen, Schnelltests und mangelnde Impftermine – und haben, wie es scheint, völlig aus dem Blick verloren, dass die Pandemie ein weltweites Problem ist. Wie katastrophal die Zustände in Afrika sind, das haben Pfarrerin Dorothee Eisrich und Afrika-Kenner Helmut Hess zuletzt wieder am Karfreitag erfahren, als die evangelische Stadtkirchengemeinde den im Jahr 2015 mit der anglikanischen Gemeinde St. Luke’s in Kitale/Kenia geschlossenen Partnerschaftsvertrag in einer Videokonferenz um weitere fünf Jahre verlängert hat – um voneinander zu lernen, Grenzen zu überwinden und gemeinsame Projekte anzugehen.

Auch in Kenia, das haben die Mitglieder der Schorndorfer Afrikagruppe über Zoom erfahren, rollt die dritte Infektionswelle an. Und wird in Europa über die holprige Impfkampagne geklagt, ist mittlerweile klar, dass in Afrika die Kollateralschäden weitaus verheerender sind als das Virus selbst. Die Prognose, dass Afrika auf Millionen Tote zusteuert, hat sich nicht bestätigt. Womöglich auch, vermutet Hess, der früher die Afrikaarbeit von „Brot für die Welt“ koordinierte, weil die Bevölkerung sehr viel jünger ist und ein durch viele Krankheiten trainiertes Immunsystem hat.


Geschlossene Schulen bedeuten: Keine warme Mahlzeit am Tag


Da jeder Lockdown auch mit einem Aus für alle Marktstände am Straßenrand verbunden ist, bricht für große Teile der Bevölkerung immer wieder die Lebensgrundlage weg. Neun Monate lang waren die Schulen geschlossen und sind jetzt wieder zu. Damit tun sich nicht nur große Bildungslücken auf, es fällt mit der Schulspeisung auch ein wesentlicher Teil der Nahrungsversorgung weg. „Der Lockdown“, sagt Hess, „bedeutet für Kinder, nichts zu essen zu haben“. Und wird in Europa über fehlende Betten auf den Intensivstationen debattiert, ist in Afrika die Lage – auch ohne Corona – so: Es gibt zwar Krankenhäuser, doch der Bevölkerung fehlt das Geld für medizinische Hilfe.

Auch an flächendeckende Impfungen ist in Kenia im Moment überhaupt nicht zu denken, die Impfkampagnen kommen in allen Entwicklungsländern nur sehr schleppend in Gang. Armen Ländern fehlt nicht nur das Geld für die Beschaffung von ausreichend Impfstoff, sondern auch die Infrastruktur für Massenimpfungen. Dabei müsste in den Industriestaaten eigentlich klar sein: Werden nicht alle Menschen geimpft, steigt die Gefahr durch noch aggressivere Virus-Varianten. Dazu kommt die moralische Frage, die Tedros Ghebreyesus, Generalsekretär der Weltgesundheitsorganisation WHO, angesichts der ungerechten Verteilung der Impfstoffe so beantwortet hat: „Die Welt steht am Rande eines katastrophalen moralischen Versagens.“

Darum unterstützt auch die Stadtkirchengemeinde mit den zehn großen Missionsgesellschaften in Deutschland die Forderung, dass Impfstoffe zum öffentlichen Gut erklärt werden und Pharma-Unternehmen – zumindest zeitweise – auf den Patentschutz verzichten und das produktionstechnische Wissen weitergeben müssen an Hersteller in der ganzen Welt. Dorothee Eisrich und Helmut Hess verweisen auf die Internetseite www.patente-toeten.de. Dort kann der Aufruf für die Aufhebung des Patentschutzes auf alle unentbehrlichen Medikamente unterzeichnet werden.


Im Gespräch mit der Partnergemeinde in Kitale haben die Schorndorfer erfahren, dass das Leben sehr schwer geworden ist, „vor allem für die Geringverdienenden und die Verletzlichen in der Gesellschaft“. Dass die häusliche Gewalt gegenüber Frauen und Kindern zunimmt und wie elementar wichtig das Gemeinschaftsleben ist – auch, weil nur eine kleine Gruppe auf die digitale Ebene ausweichen kann.


Wunsch aus Kitale: Betet für uns und nehmt uns wahr


Was können wir tun? Auf diese Frage aus Schorndorf kam von der Partnergemeinde in Kitale die Antwort: Betet für uns. Damit, erklärt Helmut Hess, ist auch gemeint, aneinander zu denken und sich wahrzunehmen. Und das ist, ergänzt Pfarrerin Eisrich, ja auch der Sinn der Partnerschaft: „Wir wollen einander kennenlernen und wahrnehmen, wollen von der Hoffnung Zeugnis geben, offen sein und neue Ideen entwickeln.“ Geldspenden, haben die Partner in Kitale signalisiert, bringen in der jetzigen Situation, in der es an allem fehlt, wenig – obwohl natürlich dennoch für das Gehörlosenprojekt, das die Stadtkirche in Kitale unterstützt, gespendet werden kann. Wichtig ist den Partnern in Kenia in der jetzigen Situation, dass sie nicht vergessen, sondern als Menschen wahrgenommen werden. Denn das, sagt Helmut Hess, wird in Afrika sehr wohl wahrgenommen, „dass wir nur noch um uns selber kreisen“.


Aus der Partnerschaft sind mittlerweile auch Freundschaften entstanden, in den vergangenen fünf Jahren folgte Besuch auf Gegenbesuch – und es sind Früchte gewachsen: Die diakonische Stiftung Nikolauspflege ist eine Partnerschaft mit Blinden aus der Nähe von Kitale eingegangen und unterstützt eine Schule für blinde und sehbehinderte Kinder. Es gibt Schorndorfer, die für Kinder in Kitale das Schulgeld übernehmen. Die Frauengruppen aus beiden Ländern stehen in Kontakt. Regelmäßig werden Nachrichten über Whatsapp und E-Mail verschickt, immer wieder finden Videokonferenzen übers Internet statt. Nur der persönliche Kontakt ist jetzt schon im zweiten Jahr in Folge nicht möglich. 2020 musste der Besuch einer Gruppe aus Kitale abgesagt werden. An ein Treffen in diesem Jahr ist nicht zu denken. Dennoch lädt Pfarrerin Eisrich ein, sich der Afrikagruppe anzuschließen – auch, um den Horizont zu weiten: „Ich würde mich freuen, wenn mehr Menschen Interesse hätten, diese sympathischen Leute kennenzulernen.“